Warum Aggression noch keine Erklärung ist

Knurrt, schnappt oder beißt Dein Hund, kann das Vertrauen ins Wanken geraten. Doch „Aggression“ beschreibt zunächst nur das sichtbare Verhalten. Erfahre, warum die Funktion dahinter entscheidend ist und weshalb gutes Training mit Verstehen beginnt.
Halterin beobachtet mit ihrem angeleinten Hund eine Begegnung aus sicherem Abstand.

Inhalt

Es gibt einen Satz, den wir nach einem Beißvorfall oder einer anderen aggressiven Auseinandersetzung immer wieder hören:

Weißt Du, was das Schlimmste ist? Ich kann meinem Hund nicht mehr vertrauen.

Ich kann dieses Gefühl sehr gut verstehen. Wenn der eigene Hund plötzlich knurrt, schnappt oder sogar zubeißt, gerät das Bild ins Wanken, das Du bisher von ihm hattest. Vielleicht fragst Du Dich, ob Du Deinen Hund falsch eingeschätzt hast, ob er gefährlich geworden ist, ob sich ein solcher Vorfall jederzeit wiederholen kann.

Vor allem möchtest Du wahrscheinlich eines: verhindern, dass es noch einmal passiert.

Dieser Wunsch nach Sicherheit ist absolut nachvollziehbar. Trotzdem beginnt unsere Arbeit nicht mit der Frage, wie wir das Verhalten möglichst schnell unterbinden können. Wir beginnen an einer anderen Stelle: Wir möchten zuerst verstehen, weshalb der Hund sich überhaupt so verhalten hat.

Denn Aggression beschreibt zunächst nur das, was wir von außen beobachten. Eine Erklärung dafür, was hinter dem Verhalten steckt, ist der Begriff noch nicht.

Wenn das Vertrauen verloren geht

Nach einem aggressiven Vorfall entsteht der Vertrauensverlust aus unserer Erfahrung häufig dadurch, dass Menschen das Verhalten ihres Hundes nicht mehr sicher einordnen können.

Was wir verstehen, können wir besser einschätzen. Und was wir einschätzen können, gibt uns Sicherheit. Fehlt dieses Verständnis, bleibt Unsicherheit zurück. Plötzlich werden Situationen, die vorher selbstverständlich waren, mit ganz anderen Augen betrachtet. Besuch an der Haustür, Begegnungen mit anderen Hunden oder ganz normale Alltagssituationen können sich auf einmal bedrohlich anfühlen.

Viele Hundehalter möchten ihrem Hund deshalb möglichst schnell klarmachen, dass er dieses Verhalten nie wieder zeigen darf. Dahinter steckt meist keine Härte, sondern Sorge – die Sorge, dass jemand verletzt werden könnte, die Angst, den eigenen Hund nicht mehr kontrollieren zu können und der verständliche Wunsch, wieder zu einem entspannten Alltag zurückzufinden.

Trotzdem reicht es nicht aus, nur darauf zu schauen, welches Verhalten nicht mehr auftreten soll. Wir müssen zuerst herausfinden, welches Problem der Hund mit diesem Verhalten lösen wollte.

Welches Problem versucht der Hund zu lösen?

Diese Frage ist für mich einer der wichtigsten Ausgangspunkte in der Arbeit mit aggressivem Verhalten:

Welches Problem versucht der Hund in diesem Moment zu lösen?

Vielleicht möchte er Abstand herstellen. Vielleicht verteidigt er etwas. Vielleicht hat er gelernt, dass Knurren, Schnappen oder Beißen zuverlässig dazu führen, dass sich eine Situation in seinem Sinne verändert. Möglicherweise kennt er in diesem Moment keine andere Möglichkeit. Vielleicht hat seine Strategie schon mehrfach funktioniert und er erreicht damit genau das, was er erreichen möchte.

Hier unterscheiden sich die Sichtweise des Menschen und die Sichtweise des Hundes sehr deutlich.

Für uns Menschen ist ein solches Verhalten erschreckend. Der Hund wirkt plötzlich gefährlich, unberechenbar oder vollkommen verändert. Der Hund selbst bewertet sein Verhalten jedoch nicht nach moralischen Maßstäben. Er überlegt nicht, ob es richtig oder falsch, gerecht oder ungerecht ist. Für ihn zählt zunächst nur, ob sein Verhalten funktioniert.

Weicht ein Mensch zurück, nachdem der Hund geknurrt hat? Verlässt ein Besucher den Eingangsbereich? Gibt ein anderer Hund eine Ressource frei? Dann hat das Verhalten aus Sicht des Hundes möglicherweise genau das gewünschte Ergebnis erzielt.

Das bedeutet nicht, dass wir aggressives Verhalten verharmlosen. Es bedeutet auch nicht, dass wir gefährliche Situationen einfach hinnehmen. Es bedeutet, dass wir das Verhalten verstehen müssen, bevor wir sinnvoll daran arbeiten können.

Aggression beschreibt das Verhalten, nicht die Ursache

Wenn ein Hund knurrt, schnappt, nach vorne geht oder zubeißt, sprechen viele Menschen von Aggression. Das ist zunächst verständlich, denn der Begriff beschreibt das sichtbare Verhalten.

Aber er sagt uns noch nicht, warum der Hund dieses Verhalten zeigt.

Möchte er Abstand herstellen? Verteidigt er sein Territorium? Sichert er eine Ressource? Geht es um einen Sozialpartner? Oder beobachten wir vielleicht ein Verhalten, bei dem Beutefang eine entscheidende Rolle spielt?

Von außen können all diese Situationen ähnlich aussehen. Für den Hund verfolgen sie jedoch vollkommen unterschiedliche Ziele. Diese Unterschiede sind entscheidend dafür, wie wir das Verhalten einordnen und welche Unterstützung der jeweilige Hund benötigt.

Eine Joggerin läuft als möglicher Auslöser nah an einem Halter mit seinem vorbei

Ähnliches Verhalten, unterschiedliche Hintergründe

Stell Dir vor, eine Familie erwartet Besuch. Es klingelt an der Haustür. Der Hund schießt zur Tür, baut sich vor dem Besucher auf, knurrt und geht nach vorne. Der Besucher weicht zurück.

Viele Menschen würden sagen: Der Hund ist aggressiv.

Ein paar Tage später fährt ein Mountainbiker mit hoher Geschwindigkeit an einem anderen Hund vorbei. Der Hund setzt hinterher, verfolgt den Radfahrer und verletzt ihn.

Auch hier fällt schnell derselbe Satz: Der Hund ist aggressiv.

In beiden Fällen wurde ein Mensch verletzt. Mehr haben diese Situationen zunächst nicht gemeinsam.

Im ersten Fall versucht der Hund möglicherweise, einen Eindringling von seinem Territorium fernzuhalten. Sein Verhalten könnte darauf ausgerichtet sein, den Besucher zum Rückzug zu bewegen. Im zweiten Fall kann Beutefangverhalten eine entscheidende Rolle spielen. Der Hund verfolgt dabei ein ganz anderes Ziel als der Hund an der Haustür.

Für den Beobachter wirken beide Situationen gefährlich. Biologisch betrachtet liegen ihnen jedoch unterschiedliche Verhaltensweisen und Motivationen zugrunde. Deshalb wäre es nicht sinnvoll, beide Fälle allein aufgrund des sichtbaren Ergebnisses gleich zu behandeln.

Auch bei Hundebegegnungen müssen wir genauer hinsehen

Ähnlich verhält es sich bei Auseinandersetzungen zwischen Hunden.

Zwei Rüden geraten aneinander. Einer geht nach vorne. Vielleicht versucht er, einen Rivalen zu vertreiben. Vielleicht verteidigt er eine Ressource. Möglicherweise geht es aber auch um einen Sozialpartner.

Für uns Menschen kann das Verhalten in allen drei Fällen sehr ähnlich aussehen. Für den Hund erfüllt es jedoch jeweils einen anderen Zweck.

Dieser Zweck entscheidet darüber, wie wir die Situation einschätzen. Denn ein Hund, der einen Rivalen vertreiben möchte, befindet sich in einer anderen Ausgangslage als ein Hund, der eine Ressource sichern will. Das sichtbare Verhalten allein reicht deshalb nicht aus, um daraus automatisch die passende Trainingsstrategie abzuleiten.

Wir müssen verstehen, was der Hund durch sein Verhalten erreichen möchte. Erst dann können wir beurteilen, welche Unterstützung für ihn sinnvoll ist.

Ein Name ist noch keine Erklärung

Wir Menschen mögen einfache Erklärungen. Sie schaffen Ordnung und vermitteln uns das Gefühl, eine Situation besser greifen zu können.

Dann heißt es schnell:

  • Der Hund ist dominant.
  • Der Hund ist bissig.
  • Der Hund ist aggressiv.

Solche Begriffe geben dem Verhalten einen Namen. Verstanden haben wir es damit noch nicht.

Das Problem beginnt dort, wo eine Bezeichnung bereits als vollständige Erklärung betrachtet wird. Wenn der Hund eben „aggressiv“ ist, scheint die Ursache gefunden zu sein. Der Blick richtet sich dann häufig nur noch darauf, dieses aggressive Verhalten zu stoppen.

Doch der Begriff verrät uns nicht, ob der Hund Abstand herstellen möchte, sein Territorium verteidigt, eine Ressource sichert oder ob möglicherweise Beutefangverhalten beteiligt ist. Er sagt uns nicht, welches Ziel der Hund verfolgt und warum seine bisherige Strategie für ihn funktioniert.

Deshalb sollten wir uns mit einem Namen allein nicht zufriedengeben.

Wenn jedes Problem wie ein Nagel aussieht

Es gibt ein Bild, das diesen Gedanken sehr schön beschreibt:

Wer nur einen Hammer in seiner Werkzeugkiste hat, sieht irgendwann in jedem Problem einen Nagel.

So erleben wir es auch im Hundetraining. Wer Verhalten immer mit demselben Erklärungsmodell betrachtet, wird am Ende auch immer ähnliche Lösungen anwenden.

Vielleicht funktioniert eine bestimmte Methode bei einem Hund. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass sie bei einem anderen Hund mit einem ähnlich aussehenden Verhalten ebenfalls passend ist. Denn auch wenn das Verhalten von außen gleich wirkt, kann es für die Hunde eine völlig unterschiedliche Funktion erfüllen.

Zwei Hunde können beide knurren und dabei unterschiedliche Ziele verfolgen. Zwei Hunde können beide nach vorne gehen, obwohl verschiedene Ursachen dahinterstehen. Zwei Hunde können einen Menschen verletzen, ohne dass ihr Verhalten fachlich gleich eingeordnet werden kann.

Wer unterschiedliche Ursachen gleich behandelt, darf sich deshalb nicht wundern, wenn eine Methode bei einem Hund funktioniert und beim nächsten wirkungslos bleibt. Gute Verhaltensarbeit braucht mehr als ein einziges Erklärungsmodell. Sie braucht einen genauen Blick und die Bereitschaft, jeden Hund mit seiner individuellen Situation zu betrachten.

Training beginnt mit Verstehen

Viele Hundehalter möchten wissen, wie sie ihrem Hund klarmachen können, dass er ein bestimmtes Verhalten nicht mehr zeigen darf.

Dieser Wunsch ist verständlich. Niemand möchte ständig befürchten, dass der eigene Hund erneut knurrt, schnappt oder zubeißt. Niemand möchte, dass Menschen oder andere Tiere gefährdet werden.

Unsere Aufgabe als Hundetrainer besteht jedoch zuerst darin, herauszufinden, welches Problem der Hund mit seinem Verhalten lösen möchte. Erst danach können wir gemeinsam entscheiden, welche Unterstützung er braucht und welche Trainingsschritte sinnvoll sind.

Denn wenn wir nicht verstehen, was der Hund erreichen möchte, können wir auch nicht sicher beurteilen, wie wir ihm helfen können.

Aggressives Verhalten ist für den Hund kein Urteil über einen Menschen und keine bewusste Entscheidung gegen seinen Halter. Es ist eine Möglichkeit, mit einer Situation umzugehen. Vielleicht ist es die einzige Möglichkeit, die ihm in diesem Moment zur Verfügung steht. Vielleicht ist es eine Strategie, die sich aus seiner Sicht bewährt hat.

Wenn wir möchten, dass er sich zukünftig anders verhält, müssen wir zuerst verstehen, was er mit seiner bisherigen Strategie erreicht.

Verstehen schafft Sicherheit

Ein aggressiver Vorfall verliert nicht an Bedeutung, nur weil wir seine Hintergründe verstehen. Knurren, Schnappen oder Beißen müssen ernst genommen werden.

Doch Verständnis hilft uns dabei, Verhalten wieder einordnen zu können. Ein Hund, dessen Verhalten wir nachvollziehen können, wird dadurch nicht automatisch ungefährlich. Aber er erscheint weniger unberechenbar.

Was wir verstehen, können wir besser einschätzen. Und aus dieser Einschätzung kann wieder Sicherheit entstehen – nicht durch vorschnelle Urteile, nicht durch einfache Etiketten und auch nicht dadurch, dass wir jedes aggressiv wirkende Verhalten mit derselben Methode beantworten. Sicherheit entsteht, wenn wir genauer hinsehen und bereit sind, die Funktion hinter dem Verhalten zu erkennen.

Erst verstehen. Dann trainieren

Jedes Verhalten erfüllt für den Hund einen Zweck.

Unsere Aufgabe besteht darin, diesen Zweck zu verstehen. Erst danach können wir entscheiden, welche Unterstützung dieser Hund benötigt und welche Trainingsschritte zu ihm und seiner Situation passen.

Denn Aggression ist noch keine Erklärung. Sie beschreibt zunächst nur das, was wir sehen.

Die eigentliche Arbeit beginnt mit der Frage, was dahintersteckt.

Erst verstehen. Dann trainieren.

Alles Liebe ❤️

Dein Jörg

Beitrag teilen: