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Wenn ein Hund Angst zeigt, möchten wir ihm in der Regel möglichst schnell helfen. Wir schaffen Abstand, versuchen ihn zu beruhigen, vermeiden bestimmte Situationen oder kommen irgendwann an den Punkt, an dem wir denken, dass er sich mit dem Auslöser auseinandersetzen muss. Hinter all diesen Reaktionen steckt zunächst etwas sehr Nachvollziehbares: Niemand sieht seinen eigenen Hund gern zittern, flüchten oder in einer Situation kaum noch ansprechbar sein.
Trotzdem beginnt gutes Angsttraining für mich nicht damit, möglichst schnell eine Methode auszuwählen. Zunächst müssen wir verstehen, was in der jeweiligen Situation passiert. Denn allein die Information, dass ein Hund beispielsweise vor Menschen, Geräuschen oder bestimmten Situationen Angst hat, reicht noch nicht aus, um daraus einen sinnvollen Trainingsweg abzuleiten. Entscheidend ist unter anderem, wie stark seine Reaktion ausfällt, unter welchen Bedingungen sie auftritt und was der Hund in diesem Moment überhaupt noch bewältigen kann.
Entscheidend ist, was der Hund noch bewältigen kann
Bei einem ängstlichen Hund lohnt es sich deshalb, sehr sorgfältig hinzuschauen. Kann er seine Umgebung noch wahrnehmen und sich orientieren? Ist er noch ansprechbar? Kann er Unterstützung durch seinen Menschen annehmen? Wie schnell erholt er sich nach der Situation wieder?
Solche Beobachtungen sagen uns wesentlich mehr als die reine Beschreibung des Angstauslösers. Denn ein Hund, der noch Informationen aufnehmen und auf seine Umwelt reagieren kann, befindet sich in einer anderen Ausgangslage als ein Hund, der bereits so stark erregt ist, dass er die Situation nur noch übersteht.
Hier liegt für mich auch ein wesentlicher Unterschied zwischen einem geplanten Angsttraining und der Vorstellung, ein Hund müsse sich einfach nur an etwas gewöhnen. Natürlich kann Gewöhnung stattfinden. Sie entsteht aber nicht automatisch dadurch, dass ein Hund einen bestimmten Reiz möglichst häufig erlebt. Ist die Belastung dabei immer wieder deutlich zu hoch, sammelt er nicht zwangsläufig die Erfahrung, dass von diesem Auslöser keine Gefahr ausgeht. Stattdessen erlebt er wiederholt Situationen, die für ihn kaum auszuhalten sind.
Deshalb kommt es nicht allein darauf an, ob ein Hund seinem Angstauslöser begegnet, sondern vor allem darauf, wie diese Begegnung gestaltet wird.
Zwischen Vermeidung und „da muss er durch“
Gerade zu Beginn eines Trainings kann es durchaus sinnvoll sein, einen Hund zunächst zu entlasten. Wenn er im Alltag ständig mit Situationen konfrontiert wird, die ihn massiv überfordern, sind die Voraussetzungen für neue Lernerfahrungen schlecht. Management kann deshalb ein wichtiger Bestandteil des Trainings sein. Wir können beispielsweise für mehr Abstand sorgen, ruhigere Situationen wählen oder verhindern, dass der Hund immer wieder unvorbereitet in dieselbe Überforderung gerät.
Schwierig wird es erst, wenn diese Vermeidung zum dauerhaften Konzept wird. Dann werden bestimmte Wege irgendwann gar nicht mehr genutzt, Situationen vollständig umgangen oder der Alltag immer stärker um die Angst des Hundes herum organisiert. Das kann kurzfristig für Entlastung sorgen, verändert aber nicht automatisch, wie der Hund mit diesen Situationen umgehen kann.
Das andere Extrem ist die Vorstellung, der Hund müsse irgendwann eben „da durch“. Auch damit ist wenig gewonnen. Natürlich braucht ein Hund Erfahrungen mit einem Angstauslöser, wenn sich sein Umgang damit verändern soll. Aber diese Erfahrungen sollten so gestaltet sein, dass er sie bewältigen kann.
Dabei spielen unter anderem die Entfernung zum Auslöser, seine Intensität, die Dauer der Situation und die Möglichkeit, wieder Abstand herzustellen, eine Rolle. Ebenso wichtig ist der Zustand, in dem der Hund in die Situation hineingeht. Ist seine Erregung bereits sehr hoch, kann eine eigentlich geplante Trainingssituation schnell zu einer weiteren Überforderung werden.
Eine Methode allein macht noch kein gutes Angsttraining
In der Arbeit mit Angst kommen verschiedene Lernverfahren zum Einsatz. Desensibilisierung und Gegenkonditionierung gehören sicherlich zu den bekanntesten und können sehr wirkungsvoll sein. Trotzdem sind sie für mich Werkzeuge und keine Rezepte, die bei jedem Hund nach demselben Schema angewendet werden können.
Es reicht beispielsweise nicht, bei einem Angstauslöser Futter anzubieten und automatisch davon auszugehen, dass sich dadurch die emotionale Reaktion verändert. Ebenso wenig sagt eine immer kleiner werdende Distanz zum Auslöser allein etwas darüber aus, ob ein Training erfolgreich verläuft.
Wichtiger ist die Frage, welche Erfahrung der Hund in der jeweiligen Situation tatsächlich macht. Kann er sich noch orientieren? Kann er Abstand herstellen? Nimmt er Unterstützung an? Und wie geht es ihm nach der Situation?
Wenn ein Hund eine schwierige Situation bewältigen kann, besteht die mögliche Lernerfahrung eben nicht nur darin, dass ein bestimmter Auslöser weniger bedrohlich wird. Er kann auch erleben, dass ihm Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen und dass sein Mensch ihn unterstützt, wenn es schwierig wird.
Aus diesem Grund gehört für mich auch die Rolle des Menschen wesentlich zum Angsttraining.
Der Mensch ist mehr als derjenige am anderen Ende der Leine
Wenn über Angsttraining gesprochen wird, konzentrieren wir uns häufig sehr stark darauf, was der Hund tun soll. Dabei ist sein Mensch als Sozialpartner ein Teil der Situation und kann dem Hund auf unterschiedliche Weise Unterstützung geben.
Social Support bedeutet für mich dabei wesentlich mehr als Trösten. Manchmal besteht Unterstützung darin, Abstand zu einem Auslöser zu ermöglichen. In einer anderen Situation kann es sinnvoll sein, den Hund räumlich abzuschirmen, ihm Schutz zu bieten oder ihn aus einer Überforderung herauszuführen. Und manchmal bedeutet Unterstützung auch, ruhig zu bleiben und dem Hund zuzutrauen, eine Situation selbst zu bewältigen, solange sie für ihn noch machbar ist.
Dafür müssen wir unseren Hund lesen können. Wir sollten erkennen, wann er Hilfe benötigt und wann er noch selbst handlungsfähig ist. Ebenso wichtig ist es, die eigene Reaktion nicht völlig aus dem Blick zu verlieren.
Denn natürlich macht es etwas mit uns, wenn der eigene Hund Angst hat. Wenn er zittert, weg möchte oder kaum noch erreichbar ist, werden auch wir möglicherweise unsicher oder besorgt. Das ist menschlich und muss auch gar nicht verhindert werden.
Für mich ist deshalb die Unterscheidung zwischen Mitleid und Mitgefühl wichtig. Mitgefühl bedeutet, dass ich wahrnehme, wie schlecht es meinem Hund gerade geht, und seine Reaktion ernst nehme. Gleichzeitig versuche ich aber, selbst so weit handlungsfähig zu bleiben, dass ich ihm Orientierung und Unterstützung geben kann.
Ein ängstlicher Hund braucht keinen Menschen, der seine Angst kleinredet. Er braucht aber ebenso wenig einen Sozialpartner, der selbst immer hektischer und unsicherer wird. Er braucht jemanden, der möglichst ruhig einschätzen kann, was gerade notwendig ist.
Fortschritt bedeutet nicht immer, dass Angst verschwindet
Beim Angsttraining sollte aus meiner Sicht auch das Ziel realistisch betrachtet werden. Hunde bringen unterschiedliche genetische Voraussetzungen, Erfahrungen und individuelle Eigenschaften mit. Nicht jeder vorsichtige oder empfindliche Hund wird irgendwann völlig unbefangen durch jede Situation gehen.
Die interessantere Frage ist deshalb, was sich im Umgang mit der Angst verändert.
Vielleicht wird ein Hund schneller wieder ansprechbar. Vielleicht kann er in Situationen bleiben, die vorher kaum möglich waren. Möglicherweise nimmt er Unterstützung besser an oder erholt sich nach einer Belastung schneller. Vielleicht entwickelt er zunehmend eigene Möglichkeiten, mit schwierigen Situationen umzugehen.
Solche Veränderungen sind für mich wichtige Trainingsfortschritte.
Deshalb finde ich es auch schade, wenn Angst mit einem Satz wie „Der ist eben so“ vorschnell als unveränderlich betrachtet wird. Natürlich lässt sich nicht jede Angst vollständig auflösen. Aber häufig lässt sich der Umgang eines Hundes damit deutlich verbessern.
Dafür müssen wir Angst weder dramatisieren noch kleinreden. Wir sollten sie ernst nehmen und sorgfältig analysieren: Was löst sie aus? Wie stark reagiert der Hund? Welche Bedingungen machen die Situation schwieriger oder leichter? Was hilft ihm tatsächlich? Und welche Rolle spielen wir selbst dabei?
Je besser wir diese Zusammenhänge verstehen, desto gezielter können wir Training gestalten.
Denn zwischen dauerhaftem Vermeiden und einem „Da muss er jetzt durch“ gibt es sehr viel Raum. Dort kann ein Hund Erfahrungen machen, die er bewältigen kann und auf denen weitere Entwicklung möglich wird.
Alles Liebe ❤️
Dein Jörg
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